Fahrbericht: Mercedes GL 63 AMG
Häuptling wilder Büffel

22. März 2013 | kommentieren

Von wegen Downsizing! Dick ist schick – zumindest bei Scheichs, Oligarchen und all den anderen Besserverdienern, die sich keinen Deut um den Benzinpreis scheren. Für sie rüstet AMG nun sogar den gigantischen GL zum Rennwagen auf.

Gemütlich war gestern

Eigentlich ist er ein grundgemütliches Auto. So groß und ehrfurchtgebietend, wie der Mercedes GL auf der Straße steht, ist ihm alle Eile fremd. Wie ein Silberrücken im Dschungel, der Bär in den Bergen oder der Büffel auf der Weide weiß er um seine Stärke und spielt sie deshalb nie aus. Zumindest nicht mit dem 190kW/258 PS starken V6-Diesel im GL 350 oder dem V8-Motor mit 4,7 Litern Hubraum und 320 kW/435 PS im GL 500. Doch seit ein paar Wochen kann der gemütliche Riese auch anders. Denn vor allem auf Drängen der Scheichs und Oligarchen bietet Mercedes nun auch eine AMG-Version des Dickschiffs an und fördert damit ganz andere Eigenschaften des gemütlichen Giganten zu Tage. 

© Daimler
Ehe man es sich versieht, steht der Tacho bei 160, 180 und klettert mühelos auf 250 km/h

Wo man im GL 500 ganz gelassen über Highways und Autobahnen rollt und den Geländewagen als S-Klasse fürs Grobe zu schätzen lernt, ist es im GL 63 AMG mit dem Müßiggang ganz schnell vorbei. Schon beim Anlassen faucht der V8 mit seinen beiden Turbos so laut, dass der Puls wie von selbst ein paar Schläge zulegt. Die Hand schließt sich fast automatisch etwas fester ums Steuer und beinahe intuitiv stellt man den Sitz etwas steiler: Wer einen 5,5-Liter-Motor mit 410 kW/557 PS kommandiert, der lümmelt nicht hinter dem Lenkrad, sondern nimmt buchstäblich Haltung an. Das ist auch bitter nötig.

Wild im Sportmodus

Denn wenn man erst einmal in den Sportmodus wechselt und bitterböse Fanfaren aus den vier Endrohren jagen, bringt man schon mit dem ersten Gasstoss die gesamte Physik ins Wanken und Häuptling Wilder Büffel macht die Trägheit der Masse zum Trugschluss: Was sind schon 2,5 Tonnen, wenn 760 Nm an ihnen zerren? So leichtfüßig wie ein E 63 AMG und so wütend wie ein Bison bei der Stampede in der Prärie stürmt der Koloss deshalb in 4,9 Sekunden auf Tempo 100 und teilt mit seinem imposanten Auftritt den Verkehr wie Moses das Wasser. Wenn dieses Dickschiff im Rückspiegel auftaucht, machen sich die anderen freiwillig dünne und man hat fast immer freie Bahn.  
 

© Daimler
Schon beim Anlassen faucht der V8 mit seinen beiden Turbos so laut, dass der Puls wie von selbst ein paar Schläge zulegt

Ehe man es sich versieht, steht der Tacho bei 160, 180 und klettert so mühelos auf 250 km/h, dass die 320er-Markierung vielleicht doch nicht nur ein Scherz der schnellen Truppe aus Affalterbach ist. Doch mit Rücksicht auf die Reifen und weil man die Fuhre ja auch irgendwie wieder zum Stehen bekommen muss, ziehen die Ingenieure bei 250 km/h sicherheitshalber die Reißleine. Mehr geht nicht mit dem GL. Aber das muss auch nicht sein. Denn auf dem rasenden Hochsitz fühlt sich dieses Tempo noch viel imposanter an als in jedem anderen AMG-Modell und selbst die breiteste Autobahn wird verdammt schmal, wenn der rasende Riese erst einmal auf Touren ist. So ungefähr muss sich ein Lokführer fühlen, wenn er mit dem ICE auf der Neubaustrecke beschleunigt. 

Durstiger Büffel

Breite Straßen, lange Geraden und sanfte Kurven, das ist die Welt des GL 63 AMG. Zwar bügelt er mit seinem adaptiven Fahrwerk schlechte Oberflächen wunderbar glatt, solange man im Komfortmodus bleibt und lässt den Fahrer nur in der Stufe „Sport+“ schon jeden Schatten auf dem Asphalt spüren. Doch mit engen Radien hat der Riese selbst mit dem überarbeiteten Räderwerk und dem serienmäßigen Wankausgleich seine liebe Mühe. So ganz lässt sich die Physik eben doch nicht überlisten, und irgendwann beugen sich die 2,5 Tonnen allem Fahrwerkstuning zum trotz der Fliehkraft und drängen unweigerlich nach außen. Deshalb braucht man ein scharfes Auge und eine feste Hand am Lenker, wenn die Landpartie mal ein wenig eiliger werden soll. 

© Daimler
Mit 130.305 Euro kostet der AMG-GL gute 35.000 Euro mehr als der auch nicht gerade billige GL 500

So imposant Antritt und Auftritt des optisch eher dezent nachgeschärften GL 63 AMG sind, so eindrucksvoll ist allerdings auch sein Preis: Mit 130.305 Euro kostet er gute 35.000 Euro mehr als der auch nicht gerade billige GL 500. Doch die wenigen Kunden wird das wohl genau so wenig stören wie der Verbrauch, der nur in der Theorie bei halbwegs akzeptablen 12,3 Litern liegt. Denn schon beim Anlassen hat man das Gefühl, als höre man zwischen Tank und Motor die Niagara-Fälle rauschen, und das CO2 purzelt dabei wahrscheinlich pfundweise aus dem Auspuff. Am Ende ist man froh, wenn der Bordcomputer an erster Stelle noch eine Eins zeigt. Denn bei artgerechter Haltung hat Häuptling Wilder Büffel so einen gewaltigen Durst, dass der 100 Liter-Tank für nicht mal 400 Kilometer reicht.  Doch böse sein darf man dem Dickschiff dafür nicht. Denn wo er die physikalischen Grundsätze ad absurdum führt, bestätigt er damit eine andere Goldene Regel: Von nichts kommt nichts.  

Mercedes GL 63 AMG – Technische Daten: Geländewagen der Oberklasse, Länge: 5,21 m, Breite mit Spiegeln: 2,14 m (ohne Spiegel 1,93 m), Höhe 1,85 m, Kofferraumvolumen 680 – 2.300 LiterV8-Benziner mit Bi-Turbo, 5.461 ccm Hubraum, 410 kW/557 PS. 760 Nm, Allradantrieb, 0-100 in 4,9 s,  250 km/h, Verbrauch 12,3 Liter, CO2 288 g/km, Effizienzklasse E, Preis 130.305 Euro  Kurzcharakteristik Mercedes GL 63 AMG  Alternative für alle, denen der Cayenne Turbo S zu klein, der Range Rover V8 zu gewöhnlich und der Jeep Grand Cherokee SRT-8 zu billig ist. Passt zu: Moskauer Oligarchen, arabischen Scheichs und neureichen Chinesen. Sieht gut aus auf einem Ölfeld in Sibirien, vor den Hotels von Dubai und auf dem Schlosshof in Württemberg. Wann kommt er: sofort. Man muss nur warten, bis nach dem Prinzip „One Man, one Engine“ der Motor fertig und das Schiff aus Tuscaloosa da ist.Was kommt noch: Nichts mehr. Denn was soll da noch drüber kommen?

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