Test: Jaguar F-Type S
Großes Kino

1. Oktober 2013 | kommentieren

Sportwagen gelten als Männerspielzeug. Der Jaguar F-Type hat zwar keine Geschlechter-Vorlieben, die Sache mit dem Spielzeug nimmt er aber sehr ernst.

Sportwagen sind die Entertainer auf dem Pkw-Markt. Der Jaguar F-Type zeigt exemplarisch, wie man den Kunden herumkriegt: mit der ganz großen Show vom Ein- bis zum Aussteigen. Da stört es auch nicht, dass das Auto nicht ganz perfekt ist.

Nahezu perfekte Mischung aus klassisch und modern

Der erste Akt der großen Raubkatzen-Matinee beginnt schon beim Blick auf die Karosserie des 280 kW/380 PS starken Roadsters. Zugegeben: Design ist Geschmackssache. Aber zum Auftritt des geduckten Zweisitzers mit der langen Motorhaube und dem kurzen Heck dürfte es keine zwei Meinungen geben: er ist einfach schön, eine nahezu perfekte Mischung aus klassisch und modern. Klar, hinreißende Sportwagenlinien fließen auch mäßig begabten Stylisten einigermaßen schnittig aus der Feder, vor allem wenn man kaum Zugeständnisse an Profanitäten wie etwa den Gepäckraum machen muss.

© Jaguar
Auf kruvigen Bergstraßen fühlt sich der Brite daheim

Und das war beim F-Type offensichtlich der Fall: den niedrigen Kofferraum (196 Liter) können nur Extrem-Flachpacker oder FKK-Urlauber überhaupt als ernstzunehmendes Gepäckfach für den Kurztrip nutzen – alle anderen lassen Sack und Pack besser per Post an den Zielort schicken, denn auch innen ist Stauraum knapp. Der Fokus liegt halt auf berauschender Form statt auf Funktion. Dass es da aber auch einen besser funktionierenden Kompromiss geben kann, zeigen die direkten Konkurrenten Porsche Boxster (280 Liter) und BMW Z4 (180 – 310 Liter).

© Jaguar
Das Verdeck kann auch während der Fahrt eingeklappt werden

Akt zwei des Entertainment-Programms: das Einsteigen. Die Show beginnt, sobald die plan in die Türbleche eingelassenen Griffe ausfahren und sich den Fingern des Fahrers darbieten. Der nimmt das Angebot an, sinkt kurze Zeit später in die kurz über Bodenhöhe montierten Sportsitze und blickt zuerst auf den rot pulsierenden Startknopf. Derartige Spielereien – zu denen auch die erst bei Bedarf ausfahrenden Lüfterdüsen über der Mittelkonsole zählen – kennt man auch aus anderen Jaguar-Modellen, wo sie sich mit der Zeit etwas abnutzen. Gut, dass der F-Type nicht nur Schau- sondern auch Hörwerte liefert: Denn beim Anlassen dreht der 3,0-Liter-Kompressor-V6 so majestätisch hoch, dass die Armhärchen in Habacht-Stellung gehen, um bei der abschließenden Fehlzündungs-Fanfare in wilden Tanz auszubrechen.

Bislang war alles Kür

In Akt drei kommt die Pflicht: das Fahren. Und das wird untermalt vom Soundtrack des Sechszylinders, der hier ein komplettes Orchester gibt – vor allem bei geöffneten Klappen der Abgasanlage. Vom heiseren Sägen unter Volllast über das Bollern und Gurgeln bei der Gaswegnahme bis zu den Zwischengasstößen – wenn man gerade nicht gebannt lauscht, fragt man sich, warum zur Hölle man sich bloß den alternativ angebotenen Achtzylinder kaufen sollte.

© Jaguar
Mit 4,47 Metern ist der F-Type nicht länger als ein normaler Kompaktklässler

Auch bei den Fahrleistungen gibt es keinen Bedarf für einen Nachschlag: der Roadster beschleunigt in 4,9 Sekunden von null auf Tempo 100 und ermöglicht eine Endgeschwindigkeit von 275 km/h. Das wuchtige Drehmoment wird aber von der Achtgangautomatik etwas gebremst, die die Gangwechsel selbst zwar nahezu perfekt vollzieht, sich aber beim Zurückschalten zu zögerlich gibt und dem Motor so etwas von seiner Durchschlagskraft nimmt. Abhilfe schafft da der Sportmodus des Getriebes, der aber zugunsten des anderen Extrems ausschlägt. Der Mittelweg liegt dann in der Hand des Fahrers, wenn er über die Paddel am Lenkrad schaltet.

Absolut oscarverdächtig

Das bietet sich vor allem auf kurviger Strecke an. Der niedrige Schwerpunkt, der Hinterradantrieb und die ausgeglichene Gewichtsverteilung lassen den Zweisitzer quasi um die Kehren fliegen. Weniger Spaß macht der Jaguar auf der Autobahn oder im Stadtverkehr, wo das recht straffe Fahrwerk die Wirbelsäule der Insassen strapaziert. Da helfen auch die in der S-Version serienmäßigen adaptiven Dämpfer nicht viel, neben der Standard-Einstellung gibt es nur noch einen Sport-Modus, dessen Anwahl allerdings keine großen Änderungen mit sich bringt.

© Jaguar
Paltz gibt es nur für Fahrer und Beifahrer, nicht für Gepäck

Soundtrack, Look und technische Besetzung des F-Type sind trotzdem absolut oscarverdächtig. Und der spielerische Ansatz, das Kind im Sportwagenfahrer zu tätscheln, macht ihn zur frischeren Alternative zu den eher nüchternen und schnelleren Hightech-Boliden aus deutscher Produktion. Dass der Jaguar trotzdem kein Blockbuster wird, liegt einerseits am vergleichsweise hohen Preis von 84.900 Euro, andererseits an seinem kompromisslosen Zuschnitt. Denn letztlich ist der enge Roadster nicht für den Personen- oder Gepäcktransport von A nach B, sondern ausschließlich zum Fahren gemacht. Und da ist er ein großer Entertainer.

Technische Daten – Jaguar F-Type S:

Zweitüriger, zweisitziger Roadster, Länge: 4,47 Meter, Breite: 1,98 Meter, Höhe: 1,31 Meter, Radstand: 2,62 Meter, Gewicht 1.614 Kilogramm, Kofferraumvolumen 196 Liter (mit Reserverad 148 Liter)

3,0-Liter-Sechszylinder-Kompressor-Benziner, 280 kW/380 PS, maximales Drehmoment: 460 Nm bei 3.500 bis 5.000 U/min, Vmax 275 km/h, 0-100 km/h in 4,9 s, Durchschnittsverbrauch: 9,1 l/100 km, CO2-Ausstoß: 213 g/km, Effizienzklasse F, Testverbrauch 14 Liter; Preis ab 84.900 Euro.Kurzcharakteristik – Jaguar F-Type S:
Alternative zu: Porsche Boxster, Porsche 911 Cabrio, BMW Z4
Sieht gut aus: aus jeder Perspektive
Passt zu: Fahrern, die auf Seele mehr Wert legen als auf Perfektion

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